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Platzspitzbaby - Vom Buch zum Film

André Küttel, Pierre Monnard, Roger Schwarzenbach

 

Platzspitzbaby – Vom Buch zum Film 

von Roger Schwarzenbach

 

Ende der Achtzigerjahre war der Platzspitz beim Landesmuseum Zürich weltweit bekannt als «Needle Park» mit einer nie gesehenen, offenen Drogenszene. Als Tochter einer schwerst drogenabhängigen Mutter war Michelle Halbheer schon als Kind mitten in dieser Hölle. Mit ihrem 2013 erschienen Buch «Platzspitzbaby» hat sie ihr Schicksal öffentlich gemacht.


Die Schweizer Filmschaffenden André Küttel, Drehbuchautor und Pierre Monnard, Régisseur haben einen Film nach dem Buch realisiert. Dieser ist in der Schweiz in kurzer Zeit zum meistgesehenen Kinodrama avanciert. 

Am Abend des 13. Februar ging der Lions Club Heiden mit einem öffentlichen Anlass im Kino Rosental der Frage nach, ‘wie wird aus einem Buch ein Drehbuch und schliesslich ein Film’. Den- Anfang machte Melina Cajochen mit einer Lesung verschiedener Schlüsselszenen aus dem autobiografischen Buch von Michelle Halbheer und Franziska Müller. Die bedrückenden Beschreibungen werden schon durch den Text zum Kopfkino. Wie weit dieses aber noch von einem wirklichen Kinofilm entfernt ist, machten die beiden Filmschaffenden in einem lockeren und unterhaltsamen Gespräch klar. André Küttel verglich den Entstehungsprozess eines Filmes mit der Projektierung und dem Bau eines Hauses. Von der ersten Idee und Projektskizzen, über die Finanzierung und die Auswahl der Ausführenden bis zum realisierten Werk sind unzählige Teilschritte nötig. Pierre Monnard bezeichnete dabei das Drehbuch als Schlüssel zu den Produktionsfirmen und zu den Finanzierungsquellen eines Filmes. Erst wenn die Fragen der Finanzierung geklärt sind, kann die eigentliche Arbeit beginnen. Und damit wird das Drehbuch zu dem, was es eigentlich gedacht ist: die Anleitung zum Schauspiel, zum gesprochenen Wort und zum Dreh. Trocken bemerkte der Drehbuchautor André Küttel «und abschliessend kann man das Drehbuch zerreissen, es ist überflüssig geworden. Niemand liest nach dem Film noch darin.»

 

Im Fall des Filmes ‘Platzspitzbaby’ war das Vorgehen etwas ungewöhnlich: Der Drehbuchautor André Küttel und der Regisseur Pierre Monnard entdeckten den Lebensbericht von Michelle Halbheer wegen einem Zufall. Als 2013 ihr erster gemeinsamer Spielfilm in den Schweizer Kinos anlief, erschien gleichzeitig das Buch ‘Platzspitzbaby’. Auf der Suche nach Kritiken über ihren Film stiessen sie immer wieder auf die erschütternde Geschichte von Michelle Halbheer, die sofort zum Bestseller wurde. Die beiden Filmschaffenden nahmen Kontakt mit der Autorin auf. Ihre Idee, das Buch zu verfilmen, war Halbheer so sympathisch, dass sie nicht nur die Filmrechte erhielten, sondern dass sie gemeinsam auch die Örtlichkeiten ihrer frühen Jugend besuchten. Dabei erhielten sie zusätzlich zum im Buch beschriebenen Erlebten einige Geschichten aus dem Leben der - jugendlichen Michelle Halbheer, die im Buch nicht vorkommen, die den Film aber flüssiger und verständlicher machen.

 

Ein Blick auf eine Seite des Drehbuchs machte die Arbeit des Autors noch plastischer. Die Szene, zuerst aus dem Buch vorgelesen, dann als Drehbuch mit allen möglichen Anweisungen und den Dialogen in Dialekt, die zum Teil aus Halbsätzen oder nur aus comicähnlichen Lautmalereien bestehen, weckte dann beim Publikum bereits wieder eindringliche Bilder. Dass die ‘Zuschauer’ genau diese Szene im Film gar nie gesehen haben, machte der Regisseur Pierre Monnard klar: «Die Szene entpuppte sich schon vor dem Set als für die Geschichte überflüssig. Sie wurde gar nie gedreht.» Wie der Film sonst noch mit Illusionen arbeitet, erzählte Monnard anhand der Anfangsszene, die die filmische Exposition der Geschichte darstellt. Gezeigt wird der echte Platzspitz beim Landesmuseum in Zürich mit mehreren Tausend offensichtlich drogenabhängigen Personen. In Wirklichkeit waren 150 Statisten beim Dreh vor Ort, die aus unterschiedlichsten Blickwinkeln mehrfach aufgenommen wurden. Die Stadt Zürich hat den Filmern nur die Erlaubnis gegeben, die Gehwege und den Platz um den Pavillon zu benutzen – aber die Illusion, dass der ganze Park wieder mit den Schreckenszuständen von damals überzogen war, ist im Film völlig glaubhaft.

 

Im Anschluss an das ausführliche und sehr informative Gespräch von Regisseur und Drehbuchautor beantworteten die beiden Filmschaffenden Fragen des Moderators, L(?) Roger Schwarzenbach und aus dem Publikum.

 

Zum Schluss des lebhaften Gesprächs wandte sich eine letzte Frage der ursprünglichen Kernaussage des Buches und auch des Filmes zu: Was macht die Gesellschaft, was machen die Behörden für Kinder von Suchtkranken? Sie sind die unschuldigen ersten Opfer einer Sucht. Ist es immer noch möglich, dass eine Jugendliche wie Michelle Halbheer es war, schutzlos vielfältigen Gefährdungen ausgesetzt wird? Diese Frage konnte Peter Dörflinger, Präsident der KESB des Kantons Appenzell Ausserrhoden kompetent beantworten. Dank der Schaffung einer kantonalen, professionellen Behörde, wurde die Betreuung von Personen in prekären Verhältnissen weit -kompetenter und gezielter. Was nicht ausschliesst, dass irgendwo im Verborgenen hilfebedürftige Personen keine Unterstützung erhalten. Da braucht es couragierte Leute, die die KESB informieren. Ausschliessen kann Dörflinger aber für die kantonale KESB- ein unprofessionelles Vorgehen, wie es bei überforderten Gemeindeangestellten nicht besser möglich war und wie es auch im Film gut gezeigt wird.

 

Der von -etwa 70 Personen besuchte Anlass wurde durch den Lions Club Heiden unter dem Titel ‘gegenlesen’ organisiert. Die Gemeinde Heiden unterstützte das Projekt finanziell. Die flüssige Moderation besorgte Lions Mitglied Roger Schwarzenbach.